Elternschaft über das Internet

Aufregend: gestern war unser erstes Liveinterview im Radio. Auf Radio Eins wurde in der Sendung “Die schöne Woche” ein Beitrag zum Thema Co-Elternschaft gesendet.

Hier zum nachhören:

 

Und hier zum nachlesen:

“Kinder kriegen kann ganz leicht sein“, sagen viele, die schon welche haben. Für manche aber ist das richtig anstrengend. Entweder klappt es jahrelang nicht oder es fehlt der richtige Partner/die richtige Partnerin oder die Gesetze lassen es nicht zu wie beim Adoptionsverbot für schwule Paare – und da gibt es jetzt eine Webseite, die Hilfe verspricht und zwar schon seit ein paar Jahre. Die Webseite heißt Familyship.org und die lotet alle möglichen Alternativen aus zum klassischen Kinderkriegen zwischen zwei Partner, die miteinander verheiratet sind. Welche das sind das soll mir die Gründerin der Seite verraten: das ist die Berliner Chirurgin Dr. Christine Wagner.

Stephan Karkowsky:
Guten Tag

Christine Wagner:
Guten Tag, hallo.

Stephan Karkowsky:
Vor welchem Problem standen Sie denn selbst, als Sie diese Seite ins Leben gerufen haben?

Christine Wagner:
Ich war so um die 30 als wir die Seite gegründet haben, und in einer lesbischen Partnerschaft. Wir haben uns ein Kind gewünscht und haben lange diskutiert wie wir das machen wollen und haben uns entschieden, dass wir gerne einen aktiven schwulen Vater hätten und wussten einfach nicht wo wir den her bekommen sollten. Wir haben dann im Internet geguckt und waren auf Samenspender-Webseiten, wo man Körpergröße, Haarfarbe, Schulabschluss und so weiter einträgt und da konnten wir uns nicht nicht mit identifizieren. Zudem gab es Kinderwunschgruppen vom Lesben- und Schwulenverband hier in Berlin wo wir waren, da muss man aber auch schon großes Glück haben, dass man dort den Richtigen findet. Das in unserem Fall nicht so, so dass wir weiter im Netz gesucht haben und irgendwann aus dem eigenen Bedarf heraus Familyship gegründet haben.

Stephan Karkowsky:
„Aktiver schwuler Vater heißt genau was? Der sollte sich also genauso wie Sie beide um das Kind kümmern wollen.

Christine Wagner:
Genau, wir wollten jemanden, der wirklich aktiv an der Beziehung des Kindes beteiligt ist. Der mehrfach die Woche für das Kind präsent ist, so war unsere Vorstellung.

Stephan Karkowsky:
Musste der Single sein oder war es auch denkbar, dass ein schwules und ein lesbisches Paar sich zu viert um ein Kind kümmern?

Christine Wagner:
Das war uns eigentlich egal. Das wäre je nach Konstellation Diskussionsstoff gewesen. Wir haben überhaupt erst einmal einen Vater für das Kind gesucht – eine Ansprechperson. Wenn es zwei geworden wären, wäre uns das auch Recht gewesen.

Stephan Karkowsky:
Und haben Sie den dann auch gefunden?

Christine Wagner:
Den haben wir auch gefunden ziemlich schnell. Es war einer der ersten Männer in Berlin, die sich auf der Seite damals angemeldet hatten. Nach einem Monat haben wir ihn getroffen, haben uns dann Zeit gelassen uns kennenzulernen, insgesamt ein gutes Jahr und haben das dann auch umgesetzt. Inzwischen gibt es ein Töchterlein.

Stephan Karkowsky:
Wunderbar. Es gibt so einen Begriff dafür, den kannte ich bislang noch nicht, der heißt “Co-Parenting“ – also geteilte Elternschaft. Was genau bedeutet das?

Christine Wagner:
Das beutetet, dass sich da mindestens zwei Menschen zusammenfinden, die gemeinsam ein Kind haben wollen und zwar nicht auf Liebesbasis sondern auf freundschaftlicher Basis.

Stephan Karkowsky:
Aha, das ist ja für konservative Naturen schwer zu akzeptieren, oder?

Christine Wagner:
Das ist gewiss für manche neu und vielleicht auch schwer zu akzeptieren, aber letztendlich ist es eine Konstellation, die vielleicht sogar ein bisschen krisensicherer ist.

Stephan Karkowsky:
Wie meinen Sie das? Warum ist das so?

Christine Wagner:
Weil da gewisse Emotionen eben nicht mitspielen. In einer Partnerschaft muss eben auch noch die Partnerschaft aufrecht erhalten werden. Klar muss in einer Freundschaft die Freundschaft aufrecht erhalten werden, aber das ist glaube ich eine ganz andere Ebene als diese Liebesebene.

Stephan Karkowsky:
Wer ist denn nun eigentlich gesetzlicher Elternteil in Ihrer Geschichte? Also Sie sind die Mutter, haben Sie das Kind ausgetragen?

Christine Wagner:
Ja, ich habe das Kind ausgetragen. Letztendlich habe ich das als Single gemacht. Kurz bevor wir mit den ersten Versuchen begonnen haben, ging meine Partnerschaft kaputt leider – ich habe mich dann entschlossen das als Single zu machen. Ich bin Single, der Vater ist auch Single. Es sind zwei Erwachsene, es sieht aus wie in einer heterosexuellen Partnerschaft. Es gibt die Mutter, es gibt einen Vater . Wir sind es nicht, wir sind Freunde und haben uns das Sorgerecht geteilt, haben also 50 – 50 gemacht. Wir hätten jedoch gerne, wenn wir mehrere Erwachsene gewesen wären eine Mehrelternschaft gemacht. In Deutschland ist dies jedoch nicht möglich, aber wir hätten es gerne so aufgeteilt, dass jeder die gleichen Rechte hat.

Stephan Karkowsky:
Das wäre meine nächste Frage gewesen. Mal angenommen: ich als heterosexueller Mann über 50, für Adoption und für solche Geschichten bin ich zu alt, habe einen Kinderwunsch und suche eine Partnerin, mit der ich aber nicht zusammen sein möchte, nur um ein Kind zu kriegen. Da meldet sich eine Frau und sagt ok, ich bin da, ich möchte das Gleiche. Zunächst einmal die Frage: wie wird das Kind gezeugt?

Christine Wagner:
Das kann jeder selber entscheiden. Da gibt es ja verschiedene Methoden. Entweder auf die natürliche Methode, wenn man jetzt heterosexuell ist oder mit der Bechermethode, wenn man homosexuell ist oder man lässt es in der Klinik oder der Praxis machen – da gibt es verschiedene Methoden.

Stephan Karkowsky:
Gibt der Gesetzgeber dann genau vor, wer von uns welche Rechte am Kind hat oder können wir das relativ frei vereinbaren? Wie sind Ihre Erfahrungen da?

Christine Wagner:
Das ist geregelt, das ist gesetzlich vorgegeben wer welche Rechte hat. Also man kann sich selber Vereinbarungen machen, die haben aber hinterher keine Gültigkeit wenn das Kind da ist. Da gilt einfach das Recht.

Stephan Karkowsky:
Wie ist das bei Ihnen mit dem Sorgerecht geregelt? Ganz einfach es gibt da biologische Eltern: Mann, Frau – da ist das ganz einfach und gibt keine Probleme, oder?

Christine Wagner:
Ja, das ist klar. Das meinte ich: es sieht aus wie eine heterosexuelle Elternschaft.

Stephan Karkowsky:
Wie ist denn Ihre Erfahrung von anderen, die das bisher über Ihre Seite gemacht haben? Sind die überwiegend zufrieden damit oder sind manche von ihnen auch in Krisen gerutscht, weil sie das Co-Parenting – das ja erst einmal gut klingt – nicht so auf die Reihe gekriegt haben weil ihnen die Emotionen in die Quere gekommen sind?

Christine Wagner:
Ich muss sagen wir kriegen relativ wenig Rückmeldung. Die Rückmeldung, die ich bekommen habe sind durchaus positiv.  Ich weiß von einem Frauenpaar in Berlin, die zusammen mit einem schwulen Mann ein Kind haben das läuft so ziemlich gut, ich weiß von einem schwulen Paar, das mit einem lesbischen Paar gemeinsam ein Kind haben und jetzt sogar schon das zweite planen. Sicher ist das auch nicht konfliktfrei. Sicher muss man auch da streiten, aber das muss man in anderen Konstellationen auch.

Stephan Karkowsky:
Familyship.org: so heißt die Seite von Christine Wagner, für Menschen, die das Co-Parenting suchen, die ein Elternteil für ihr Kind suchen und die überhaupt Kinderkriegen wollen. Ihnen herzlichen Dank und ein schönes Wochenende.

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