Lesbisch sein in… Berlin: weird Magazin Bielefeld

Deutschlands Hauptstadt Berlin lässt für Lesben keine Wünsche offen.

Das finden auch Christine und Miriam. Die 29-jährige Ärztin und die 30-jährige Leiterin einer Kommunikationsabteilung leben in Berlin-Charlottenburg. Wowereit und Westerwelle sind hier fußläufig erreichbar und für Lesben gibt es anscheinend so ziemlich alles, was frau braucht, ist Christine sich sicher. „Für Regenbogenfamilien bietet Berlin in seiner Gesamtheit eine Menge Gruppenangebote und Kontaktmöglichkeiten, zudem auch Kinderwunschgruppen.“ Denn eines gibt es da noch, was zu ihrem ganz großen Glück in Berlin fehlt. Ein eigenes Kind.

Das hört sich allerdings einfacher an als es ist. Christine und Miriam wünschen sich nicht nur einen Samenspender, sondern einen aktiven Vater für ihr Kind. Und der ist gar nicht so leicht zu finden. Deshalb haben die beiden Ende 2011 mit familyship.de Deutschlands erste Internetkontaktplattform für Lesben, Schwule und anders gleich*geschlechtlich lebende Paare mit Kinderwunsch gestartet.

Auf familyship.de ist es möglich mit Menschen in Kontakt zu kommen, die auf freundschaftlicher Basis eine queere Familie gründen möchten. Das Angebot richtet sich dabei an zukünftige Regenbogenfamilien. Die Arbeit für das Portal ist ehrenamtlich. Christine und Miriam wollen Hilfe zur Selbsthilfe und zugleich einen gesellschaftspolitischen Beitrag leisten, der für Offenheit und Toleranz gegenüber neuen Familienmodellen wirbt.

„Wir selbst sind auf der Suche nach einem potentiellen Vater und waren sehr überrascht, dass es Kinderwunschgruppen gibt und Kleinanzeigen, aber neben Samenspendeforen keine Möglichkeit im Internet mit Gleichgesinnten Kontakt aufzunehmen“, erzählen Christine und Miriam. Seit Herbst 2011 laufen Christines und Miriams Vorbereitungen ein Kind zu bekommen. Wer von ihnen schwanger werden soll, war reines Bauchgefühl. Aber auch das Arbeitsverhältnis spielte eine Rolle. Wie langwierig, kompliziert und nicht selten auch teuer es sich für lesbische Paare jedoch gestalten kann, ein Kind zu bekommen, das war Christine und Miriam nicht wirklich bewusst. „Nein!“, sagt Christine ganz klar. „Das war uns nicht bewusst.“ Mit einem potenziellen Vater waren sie in einem Sterne-Restaurant essen, haben einen anderen zum Frühstück eingeladen, unzählige Teesorten und Cafés ausprobiert, Familyship gegründet, und trotz allem sei noch keine Entscheidung gefallen (Stand: Februar 2012), seufzt Christine. „Wir haben mittlerweile einige interessante Männer über Familyship kennen gelernt, erkennen jedoch allmählich, dass es nicht einfach ist, den Richtigen zu finden. Wir suchen einen aktiven Vater, so dass wir nach einem Menschen suchen, an den wir den Rest unseres Lebens gebunden sind. Es scheint jedoch durchaus üblich zu sein bis zu 15 Männer zu treffen, bevor der Richtige dabei ist. Rein statistisch befinden wir uns hierbei gerade auf dem ersten Drittel der Strecke.“„Obwohl das alles nichts ist, gegen das, was andere Frauen in Kinderwunschkliniken bezahlen“, relativiert Christine. Sie meint den Weg der assistierten Reproduktion, auch künstliche Befruchtung bzw. Insemination genannt, den andere Frauenpaare für sich wählen. Die von Ärzt_innen durchgeführte Insemination ist nicht nur sehr teuer, sondern bei Lebenspartnerinnen in Deutschland rechtlich umstritten und wird Frauenpaaren in der Regel verweigert. Der Lesben- und Schwulenverband Deutschland LSVD ist der Überzeugung, dass Insemination in Deutschland jedoch grundsätzlich nicht gesetzlich verboten ist und fordert, dass die Richtlinien der Ärztekammern nur verfassungsgemäß ausgelegt werden müssten. „Die Lebenspartnerinnen kommen (außer in Hamburg und Berlin, wo die assistiere Reproduktion bei Lebenspartnerinnen erlaubt ist) in den Richtlinien (der anderen Bundesländer) nicht vor. Es gilt deshalb die allgemeine Regel, dass erlaubt ist, was nicht ausdrücklich verboten ist“, erklärt Sprecher Manfred Bruns die prekäre rechtliche Grundlage auf den Webseiten des LSVD. Die Frauenpaare in Deutschland, die sich entscheiden auf diesem Weg schwanger zu werden, gehen bislang nach Dänemark, Spanien oder in die Niederlande (s. auch „Lesbisch sein in … München“ Archiv-Ausgabe Nr. 33 Juli 2010), wo Insemination nicht nur legal ist, sondern man in speziellen Kliniken auch konkret auf Frauenpaare und ihre Bedürfnisse eingerichtet ist.

Lesbische Paare, die sich ein Kind wünschen, sind in den letzten Jahren ein immer größeres Thema in der Community geworden. Einen Grund dafür sieht Christine, darin, dass sich in den letzten Jahrzehnten das Selbstverständnis verändert habe. „Es ist vor allem das Selbstverständnis, mit dem ich mich tagtäglich bezüglich meiner Homosexualität oute“, ist Christine überzeugt. „Ich muss mich nicht verstecken und genauso wenig muss ich meinen Kinderwunsch verstecken. Ich glaube, ein eigenes Kind aufwachsen zu sehen, ist etwas sehr Menschliches, das keinen Unterschied bei der sexuellen Orientierung macht. Die Akzeptanz von Homosexualität befreit auch den Kinderwunsch. Und zum anderen: welches Kind lebt heutzutage noch in der klassischen Familienform?“

Von dem klassischen Konstrukt der Ehe halten Christine und Miriam ohnehin nicht viel. „Zwar sind wir schon seit sechs Jahren ein Paar, jedoch möchten wir nicht heiraten“, erteilen die beiden Berlinerinnen der Ehe oder der für gleich*geschlechtliche Paare in Deutschland vorgesehenen Eingetragenen Lebenspartnerschaft eine klare Absage. „Wir halten die Institution der Ehe für veraltet. Warum soll das Zusammenleben zweier Menschen staatlich gefördert werden? Was ist anders, wenn wir ohne Trauschein zusammenleben? Nichts“, sind sich beide einig.

Eigentlich fehlt Christine und Miriam, wie so oft in anderen Leben, nur der richtige Mann. „Einen Mann zu treffen, ist wie eine Wohnungsbesichtigung“, zieht Christine einen Vergleich. Nur, dass die Konsequenzen weitreichender sind. „Da gibt es Wünsche und Hoffnungen. Wenn man sich dann gegenüber sitzt, merkt man schnell, ob es passen könnte oder eben nicht. Und es kommen im Nachhinein immer diese verdammten Zweifel: wäre er wirklich ein guter Vater? Will er auch eine Queer-Family? Passt sein Weltbild zu unserem? Ist er zuverlässig? Wie viel Kompromiss kann ich eingehen? Bin ich zu schwierig oder ist das einfach schwierig?“ Fragen und Zweifel, die Christine und Miriam bis an ihre Grenzen bringen. Und dennoch sind sie überzeugt, dass lesbische Paare es grundsätzlich eher leichter haben als z. B. schwule Paare. „Immerhin sieht die Natur vor, dass Frauen das Kind austragen“, meint Miriam. „In meiner Wahrnehmung haben nur wenige Frauen den Wunsch nach einem aktiven Vater – mit Sorgerecht.“ So bleibe schwulen Paaren tendenziell oft ‚nur‘ die Rolle der Samenspender oder der Wochenendpapas. Mitschuld daran trägt zudem die Tatsache, dass gleich*geschlechtlichen Paaren in Deutschland die Adoption eines Kindes nicht erlaubt ist. Nur homosexuelle Einzelpersonen können bislang in Deutschland ein Kind adoptieren. Für Partner_innen gibt es die Möglichkeit einer Stiefkindadoption bereits vorhandener Kinder. Außerdem sind zudem Leihmutterschaften, ein weiterer Weg für schwule Paare ein Baby zu bekommen, in Deutschland verboten, in anderen Ländern, wie z. B. in Spanien hingegen auch für gleich*geschlechtliche Paare aus dem Ausland erlaubt. Während SPD, Grüne, Die Linken und auch die FDP inzwischen eine Gleichstellung im Adoptionsrecht fordern, lehnt die CDU/CSU weiterhin konsequent die Öffnung des Adoptionsrecht für homosexuelle Paare ab. Zum gemeinsamen Adoptionsrecht laufen derzeit Verfassungsklagen. Jetzt, im Frühjahr 2012 wird mit einer Entscheidung gerechnet.

Eine Entscheidung, der auch Christine und Miriam hoffnungsvoll entgegen sehen. „Homosexuelle Paare sollten bei der Vermittlung von Adoptivkindern gegenüber heterosexuellen Paaren gleichberechtigt werden“, so Miriams Erwartung an die Regierung. „Ein weiterer Misstand ist in meinen Augen die Prüfung der Co-Mutter durch das Jugendamt. In der Praxis ist es aktuell so: Angenommen Christine und ich wären verpartnert und sie hätte unser Kind ausgetragen, so müsste ich mich einer Prüfung durch das Jugendamt unterziehen, um unser Kind adoptieren zu dürfen. Dieser Prozess dauert bis zu einem Jahr.“ Rechtliche Rahmenbedingungen, die für beide Frauen das größte Hindernis bei der Verwirklichung ihres Kinderwunsches darstellen. „Einer der Männer hat gleich zu Beginn betont, dass er in der Geburtsurkunde stehen möchte“, erinnert sich Miriam, „was soviel bedeutet wie: er will das Sorgerecht für das Kind haben. Den Gedanken zuzulassen, dass meine Freundin und ein Mann gemeinsam ein Kind großziehen und ich faktisch keinerlei Rechte habe, ist mir extrem schwer gefallen. Eine ‚Mehrelternschaft‘, also die Übertragung des Sorgerechts an mehr als zwei Personen, ist leider rechtlich nicht möglich, so dass einer bei unserer Regenbogenfamilie rechtlich immer außen vor bleiben muss.“

Ihre ideale Familie, so lang und beschwerlich der Weg dorthin auch noch ist, sollte für Christine und Miriam so aussehen: „Wir wünschen uns einen Mann, der ein aktiver Vater sein möchte“, sagt Christine. „Ich glaube, der Wunsch seine biologische Mutter und seinen biologischen Vater zu kennen ist drängend für ein Kind, spätestens in der Pubertät. Und es gibt ihn ja den Vater. Warum also sollte ich ihn dem Kind vorenthalten? Wie das konkret aussehen wird, ist sicher auch abhängig davon, was das Kind will – aber gemeinsame Aktivitäten als große Familie sowie gelegentliche Wochenenden und Urlaube oder auch ein fester Tag in der Woche beim Vater sind für uns durchaus denkbar. So ein ‚Teilzeit-Modell‘ hat ja auch seine Vorteile …“

Von Christine Stonat 02/2012

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