Alva

Alva mag es, wenn die Sonne scheint. Alva nimmt dann ihren roten Roller und fährt über den langen Flur. Dabei wehen Alvas blonde Haare hinter ihr her. So schnell ist sie. Denn Alva wohnt in einem großen Haus. Das Haus steht mitten im Wald und ringsherum ist es umgeben von grünen Blättern. Nicht weit entfernt ist auch ein See. Den kann Alva von ihrem Zimmer aus sehen. Bei Sonnenschein kommt ein Funkeln vom Wasser, das sich an den Wänden spiegelt. Alva versucht manchmal ihre Hände davor zu halten und das Funkeln einzufangen.

Es ist noch gar nicht lange her, da fuhr Alva mit ihrem roten Roller durch die große Stadt. Es gab Autos, die hupten und Spielplätze voller Kinder. Aber weil Mami immer dicker wurde und Nuri inzwischen ihr kleiner Bruder ist, brauchten sie alle ein größeres Haus.
Neulich hat es geregnet. Alva saß mit ihrer Mama auf dem Sofa und Mama hat ihr aus einem Buch vorgelesen. Als Alva aufsah, flog ein Schmetterling durch das Wohnzimmer. Das war aber nicht irgendein Schmetterling. Der Schmetterling hatte zwei verschiedene Flügel. Einer war gelb, wie der einer Zitrone, und einer hatte einen orangefarbenen Punkt, wie ein Auge. Alva blieb auf Mamas Schoß sitzen und verfolgte den Schmetterling mit ihrem Blick, bis er durch die offen stehende Balkontür verschwand.

Am folgenden Tag regnete es wieder. Diesmal sah Alva wieder einen Schmetterling. Zumindest meinte sie, dass es sich um einen Schmetterling handelte. Denn dieser hatte wieder zwei verschiedene Flügel. Einer war rosafarben und zart und einer ocker und plump, als gehörte er zu einer Motte. Alva war sich nicht ganz sicher, ob es sich um einen Schmetterling handelte. Dann kam noch ein weiterer Schmetterling, oder so ähnlich, und er sah genauso aus wie der erste. Zusammen taumelten die Falter durch das Haus. Alva sprang ihnen hinterher, bis auch sie durch ein offen stehendes Fenster entschwanden.

Dann kamen viele Sonnentage, es waren Tage, an denen Alva auch ohne ihre Jacke draußen mit ihrem Roller fahren konnte und sie hatte die Schmetterlinge schon fast wieder vergessen.

Als jedoch immer mehr Wolken am Himmel erschienen und Papa sagte: Alva, komm schnell mit mir rein in die Küche, gleich gibt es ein Gewitter!, sah Alva zufällig, wie sich, durch eine bisher unentdeckte Luke unter der Sitzgruppe, ein Fuchs ins Haus schlich.

Alva schaute zweimal hin und sagte: Papa, Papa, da läuft ein Fuchs! Und Papa schaute auch zweimal hin, konnte aber nichts entdecken. Der Fuchs war schon entwichen. Doch, Papa!, rief Alva, aber Papa war beschäftigt mit den Blitzen, die über den Himmel zuckten und begeistert vom Grollen. Alva drückte sich an ihn und sah den Fuchs noch einmal, wie er nun am Boden schnüffelnd in den Keller schlich. Alva mochte eigentlich keine Gewitter, aber Alva mochte es, wenn Papa sie in den Arm nahm und ihr das Gewitter zeigte.

Nach dem Abendessen nahm Alva ihre Taschenlampe und ihren roten Roller und machte sich auf in den Keller, um den Fuchs zu suchen. Sie atmete schnell und es klopfte in ihrer Brust. Doch sie fand nur Kartoffeln, staubige Marmeladengläser und ein rostiges Fahrrad. Als sie aber oben wieder ankam, lag der Fuchs neben dem Ofen. Alva fasste sich an ihre blonden Zöpfe. Sie schlich auf Zehenspitzen näher. Der Fuchs regte sich nicht. Er schlief. Erst als Alva ihre Hand ausstreckte und ihn streicheln wollte, huschte er durch die Luke wieder weg.

An den folgenden Tagen war es draußen regnerisch. Der Fuchs kam jetzt immer öfter. Anfassen durfte Alva ihn aber noch immer nicht, wenn allerdings niemand hinsah, schlich er sich bis in Alvas Zimmer. Vor ihrem Bett rollte er sich dann zusammen und verließ das Haus erst im Morgengrauen, wenn alle Eltern noch schliefen. Alva gefiel das.

Doch dann wurde das Wetter draußen noch ungemütlicher. Wind riss Blätter von den Zweigen und schlug Äste gegen die Fensterscheiben. Da geschah es, dass durch die Luke ein Reh sprang. Aber etwas stimmte nicht. Es war nur der Kopf eines Rehs. Die Hinterbeine entstammtem einem Wildschwein. Dann gab es noch ein Eichhörnchen, das Flügel hatte. Je heftiger das Wetter draußen wurde, umso verrückter wurden die Tiere, die durch die Luke drangen. Es gab eine Eule mit Hirschgeweih und Fischschwanz. Oder war das dann gar keine

Eule mehr? Es dauerte jedenfalls nicht lange, da war die ganze Küche voll von erstaunlichen Wesen.
Alva wurde das schließlich zu viel. Sie flitze auf ihrem roten Roller über den langen Flur zu Mama und Mami ins Schlafzimmer. Die lagen in ihrem Bett und lasen ein Buch. Als Alva ihnen die Geschichte erzählte, sprangen sie auf und rannten in ihren Bademänteln in die Küche. Alva flitzte weiter an das andere Ende des Korridors, in das Schlafzimmer von Papa und Papi, die gerade den schlafenden Nuri in sein Bett legten. Auch Ihnen erzählte sie die Geschichte und auch sie rannten sofort in die Küche.

In der Küche gab es dann ein ziemliches Getümmel. Alva war froh, dass alle da waren. Papa war groß. Er konnte es problemlos mit der Fischschwanz-Eule aufnehmen. Papi holte eine Packung Nüsse aus dem Speicher und lockte das geflügelte Eichhörnchen nach draußen. Mama verscheuchte die übrigen Tiere und Mami kümmerte sich derweil um die Luke. Mit zwei kräftigen Brettern vernagelte sie den Eingang. Als die Tiere wieder draußen waren, klatschten alle in die Hände, umarmten sich erschöpft und Papa brachte Alva in ihr Zimmer.

In ihrem Bett hielt Alva sich wach, bis alle schliefen. Dann stand sie leise auf, öffnete dem Fuchs die Haustür. Er trottete hinter ihr her, immer eine Schrittlänge hinter ihr bleibend. In Alvas Zimmer rollte er sich schließlich vor ihr Bett. Alva war müde, sie träumte nicht viel in dieser Nacht.

Im Morgengrauen piepte ihr Wecker und sie ließ den Fuchs wieder an die Luft. Dann schlief sie noch einmal ein.
So macht sie es jetzt jede Nacht, bis das Wetter wieder viel besser wird und der Fuchs nicht mehr erscheinen muss.

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