“Familie? Ein großes, weitverzweigtes Netz mit vielen Mitwirkenden”

Maria Arlamovsky ist Regisseurin. Für ihren Film FUTURE BABY besuchte sie Mediziner, Wissenschafter und Techniker in Kliniken auf der ganzen Welt in sterilen Laboratorien, begleitete Paare mit Kinderwunsch, Eizellenspenderinnen und Leihmütter zu Untersuchungen und Eingriffen. Familyship sprach mit der Regisseurin über Familie.

Arlamovsky Maria

Frau Arlamovsky, was war Ihre persönliche Motivation diesen Film zu drehen?

Ich beschäftige mich bei meinen Arbeiten eigentlich immer mit dem Frauenkörper und den Ansprüchen die an ihn gestellt werden.

Ich denke unfreiwillige Kinderlosigkeit ist für die, die es betrifft ein großes Problem, das wirklich an die Substanz geht und seit Menschengedenken schon immer kreative bis schmutzige Lösungen nach sich gezogen hat. Vor allem stehen Frauen nach wie vor ziemlich unter Druck Nachkommen zu produzieren.

FUTURE BABY versucht aufzuzeigen wie sehr die Wünsche von Wunscheltern und die Angebote der Medizin ineinandergreifen und Kinder, möglichst perfekte Kinder, mit Hilfe von Menschen gemacht werden die in dem herkömmlichen Vater – Mutter – Kind Mythos dann aber wieder ausgeblendet werden. Diese Bilder wollte ich wieder zusammenführen.

Was ist Familie?

Ich selbst bin Mutter von inzwischen großen Kindern und aktive Adoptiv – und Pflegemutter. Ich verstehe Familie als ein großes, weitverzweigten Netz mit vielen Mitwirkenden – und als einen Ort an dem man Geborgenheit erfährt. Meiner Meinung nach muss man den Kindern zu liebe versuchen den Familienbegriff wirklich auszuweiten damit alle die dem System angehören darin Platz finden können, gesehen und respektiert werden – auch wenn das manchmal gar nicht leicht fällt.

Was ist Familie in 15 Jahren?

In 15 Jahren werden wir noch mehr selbstbestimmte Frauen und Männer erleben, die wenn sie Kinder haben wollen sich welche machen (lassen). Das Marketing der Reproduktionsmedizin wird noch differenzierter Zielgruppen ansprechen und das Wissen um die verschiedenen Möglichkeiten ein Kind zu bekommen wird zum Allgemeinwissen gehören.

Reproduktion mit Hilfe Dritter – also Menschen die nicht LebenspartnerInnen sind sondern zuerst mal „Fremde, Spender“ – wird alltäglicher werden.

Daraus wird für die entstandenen Kinder ein weit verzweigteres Familiennetz geschaffen werden – mit dem alle Parteien umgehen lernen müssen.

Ich hoffe, dass sich bis dahin auch schon die Idee durchgesetzt haben wird , dass Kinder ein Recht auf Wissen um Abstammung haben sollen und nicht im Dunkeln bleiben dürfen, woher sie kommen und wie sie gemacht wurden. Zugehörigkeit wird neu verhandelt werden müssen. Das Rollenrepertoir der beteiligten Erwachsenen muss sich den Bedürfnissen der Kinder anpassen, flexibler auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen um ein Familiengefühl und Geborgenheit den Kindern geben zu können.

Sind Sie während der Dreharbeiten einmal an Ihre eigenen moralischen Grenzen gestoßen?

Immer wieder habe ich mich unwohl gefühlt, vor allem dort wo einem die Ärzteschaft vormachen will wie wunderbar alles ist. Tatsachen werden nicht auf den Tisch gelegt, es wird alles schön geredet. Die Hoffnung auf das ersehnte Kind macht die Kunden blind. Die „Baby-take-home“ Raten sind noch immer sehr gering, der Einsatz der Hormone für Frauen ist immens und man kann noch gar nicht abschätzen wie sich das wirklich auswirkt, die Ausbeutung von prekären Verhältnissen um an Eizellspenderinnen und Leihmütter zu kommen wird ausgeblendet, die Bindungs- und Identitätsfragen der Kinder werden als unwesentlich abgetan. Der genetische Imperativ mit all seinen eugenischen Grundhaltungen wird zur Norm erklärt.

Gibt es moralische Grenzen beim Thema Kinderwunsch und Reproduktionsmedizin?

Die Frage ist wohl, warum brauche ich unbedingt ein Kind? Was will ich mir damit erfüllen? Brauche ich einen Sinn im Leben oder Status, will ich meinen Partner binden, verspricht mir ein Kind Glück, hilft es gegen das Gefühl nicht geliebt zu werden, allein zu sein?

Wie weit will ich gehen um ein Kind zu bekommen, welche Grenzen, will ich dafür überwinden? Das sind Fragen die jede und jeder für sich selbst beantworten muss.

FUTURE BABY ist als Film konzipiert bei dem man sich das Schritt für Schritt fragen kann ob man selber den nächsten Schritt auch noch machen würde.

Was würden Sie tun, wenn Sie Single wären und sich ein Baby wünschten?

Ich würde mir Sperma von einem Mann besorgen mit dem ich geteilte Elternschaft leben möchte. Jemand der also auch ein Kind möchte aber nicht unbedingt eine Beziehung. Es wäre mir sehr wichtig, dass mein Kind die Möglichkeit hat sich zu spiegeln, in den Personen von denen es abstammt – damit es alle seine Anteile integrieren kann – ohne dabei in Loyalitätskonflikte zu kommen.

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