Der Einfluss der Familienform wird meist überschätzt

Dr. Andrea Buschner war Forscherin am Staatsinstitut für Familienforschung der Universität Bamberg. Sie arbeitete an der bedeutenden Studie zur Lebenssituation von Kindern in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften mit. Familyship sprach mit ihr über den Wandel von Familie sowie über den Einfluss unterschiedlicher Familienmodelle auf die Entwicklung des Kindes.

Dr. Andrea Buschner

Frau Dr. Buschner, wie hat sich Familie in den letzten 20 Jahren verändert?

Sozialer Wandel in Bezug auf die Familie vollzieht sich äußerst langsam. Daher müssen wir eher von den letzten 40 bis 50 Jahren sprechen. In dieser Zeit hat sich eine enorme Pluralisierung der Familienformen vollzogen. Obwohl es zum Beispiel schon immer Stieffamilien oder alleinerziehende Mütter gab, hat sich deren Zahl erhöht und ihr Entstehungszusammenhang geändert. Während in früheren Jahren noch der Tod eines Elternteils und die anschließende Wiederheirat zu Stieffamilien geführt haben, sind heute meist Trennung und Scheidung beider Partner dafür verantwortlich. Trotz einer zunehmenden Vielfalt an Lebens- und Familienformen wird auch heute noch die bürgerliche Kernfamilie mit einem verheirateten, verschiedengeschlechtlichen Elternpaar und dessen leiblichen Kindern als Familienideal herangezogen. Andere Familienformen wie z.B. Regenbogenfamilien, Solo-Mütter, Stief- und Patchworkfamilien werden an diesem Ideal gemessen, obwohl es nur für einen kurzen Zeitraum während der 1950er und 1960er gelebt wurde.

Haben sich Ihrer Einschätzung nach die politischen Rahmenbedingungen sowie die Akzeptanz anderer Menschen neuen Familienformen gegenüber gleichermaßen verändert? Wenn nicht: was ist noch zu tun?

Während noch vor 20 Jahren ein schwules Paar auf der Straße ein Hingucker war, ist ein Großteil der Bevölkerung heute davon nicht mehr beeindruckt. Es wurde in breiten Bevölkerungsschichten zur Normalität – wenn auch leider nicht überall. Anders sieht es aus, wenn Kinder im Spiel sind. Hier ist die Bevölkerung schon etwas zurückhaltender. Doch gibt es dazu aus wissenschaftlicher Sicht keinen Anlass. Kindern in Regenbogenfamilien geht es gut – genauso gut wie Kindern in anderen Familienformen auch. Indem konservative Lager Vorbehalte in Bezug auf die Gleichstellung von Lebenspartnerschaften und Ehen aufgrund einer möglichen Gefährdung der Kinder zum Ausdruck bringen und sich diese Vorbehalte weiterhin in der Gesetzgebung manifestieren, sorgen sie am meisten dafür, dass die aus wissenschaftlicher Sicht nicht bestätigten Ängste, Befürchtungen und Vorurteile in der Bevölkerung aufrecht erhalten werden.

Das ifb hat nicht nur das Aufwachsen von Kinder in Regenbogenfamilien untersucht, sondern auch das von Kindern in Co-Parenting und Single-Elternschaften. Können Sie beschreiben welchen Einfluss das Elternschaftsmodell auf die Entwicklung eines Kindes hat?

Wir am ifb haben bislang nur den Lebensalltag und die Entwicklung von Kindern in Regenbogenfamilien mit einem gleichgeschlechtlichen Elternpaar untersucht. Die teilnehmenden Familien lassen sich vor allem in folgende Gruppen aufteilen (nach Häufigkeit ihrer Verbreitung): gleichgeschlechtliche Stieffamilien, Paare mit gemeinsamen Kindern, Pflegefamilien und Adoptivfamilien.

Das IFP hat in der Kinder-Teilstudie der BMJ-Studie Kinder aus Kernfamilien, Stiefvaterfamilien, Mutterfamilien (Alleinerziehende) und Regenbogenfamilien verglichen. Ein wesentlicher Befund war, dass für die untersuchten Entwicklungsdimensionen nicht die Familienkonstellation sondern die Beziehungsqualität innerhalb der Familie bedeutsam war. Auch Risikofaktoren wie eine hohe Anzahl familiärer Übergänge (Trennung, Scheidung, Umzug etc.) oder wechselnde Bezugspersonen für das Kind erwiesen sich in ALLEN Familienformen als kritisch. Der Einfluss der Familienform wird somit meist überschätzt.

Lassen Sie uns einen Blick in die Glaskugel werfen: Wohin wird sich „Familie“ in den nächsten 15 Jahren entwickeln?

Ein Blick in die Zukunft ist immer schwierig. Aufgrund der aktuellen nationalen und europäischen Entwicklungen wird eine Voraussage zusätzlich erschwert, denn zu unseren eigenen sozialen Bedingungen gesellen sich Familienbilder, Normen, Werte und Traditionen anderer Nationen und Ethnien.

Ich denke, im Grunde genommen wird der Trend zu sehr individualistischen Lebensentwürfen weiter gehen. Es wird vermutlich immer unspektakulärer, wenn Familien vom bürgerlichen Familienideal abweichen. So wird es auch nach und nach für Regenbogenfamilien, Solo-Mütter oder andere alternative Familienformen der Fall sein – wenn vielleicht auch nicht in den nächsten 15 Jahren.

Frau Dr. Buschner, vielen Dank für das Gespräch.

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